Radikalisierung

Menschen lieben Geschichten. Und wenn diese Geschichten wahrhaftig sind und mit Verve vorgetragen werden, dann schweigen die Menschen. Der Saal mit ca. 100 Schülerinnen und Schülern im Alter von 15-17 Jahren hält den Atem an. Kai erzählt von seinem Weg zum Neonazi sehr präsent und wissend. Er stieg aus im Jahre 2011. Dank der Organisation des Hemminger Bündnisses für Demokratie und Weltoffenheit und der GEW Niedersachsen, konnte diese Veranstaltung auf die Bühne gebracht werden.

Die Organisatorin des Hemminger Bündnisses für Demokratie und Weltoffenheit und der Vertreter der GEW

Das Dorf in dem Kai lebt ist klein. Seine Familie gibt wenig Rückhalt. Die Schule ein Ort des Versagens. Kontakte zu anderen sind gering. Der Vater gewalttätig. Die Mutter krank. Die Eltern getrennt. Kai beschreibt seine Gefühle als Druck, die dann in Wut umschlagen. Er sagt: „Der Extremismus hat mich gefunden.“ Durch Zufall gelangt er an die Musik der Neonazis. Er fühlt sich abgeholt. Seine Wut findet Ausdruck in der Musik.

Er steht vor einer Gaststätte, wo er Neonazis treffen will. Doch der Raum ist leer. Er ist jetzt 14. Neonazis kommen auf ihn zu. Er quatsch sie an. Sie gehen woanders hin. Den entscheidenden Kick empfindet er, als er die Hand eines älteren Neonazis auf seiner Schulter spürt. Endlich gehört er dazu. Über diese Emotion findet er Zugang, er gelangt nun vollständig in die Kreise der Extremisten. Kai ist elektrisiert. Seine Ohnmacht schlägt dann um – hinein in den Sumpf der Macht. Er ist nun der Akteur.

Erst später, so erinnert er sich, kommen die „Inhalte“. Er besucht Konzerte, verteilt Flugblätter, liest Nazi-Schriften. Er will wirklich dazu gehören. Und nach der Euphorie kommt der Alltag. Er gewöhnt sich an die neuen Denk- und Verhaltensmuster. Er steckt nun tief drin in einer „Gemeinschaft“, die ihn lobt, obwohl er nichts geleistet hat. So arbeiten Sekten und manipulative Menschen. Bei einer Demonstration in Norddeutschland sollen Gegendemonstranten getötet werden. Er hört sich dies an. Es ist normal geworden. Tage später erschrickt er über seine Gleichgültigkeit. Er ist entsetzt. Kai spürt mehr und mehr Widersprüche.

Seinen Ausstieg aus der Szene hat er gründlich vermasselt. Das Interview, das er einer Zeitung gibt, lässt ihn wieder alleine zurück. Er schließt sich den Hooligans an. Am Ende rettet ihn ein Aussteigerprogramm. Die Verantwortlichen des Programms wollen keine Antworten, warum er dies getan hat. Sie fragen danach, wie er zurecht kommt. Er fühlt sich gesehen. Er ist überwältig von seinen Emotionen. Er steigt nun endgültig aus. Sein Prozess der Auseinandersetzung beginnt. Kai zitiert: Was man sich nicht rational angeeignet hat, kann man sich nicht rational abgewöhnen. Emotionen spielen eine gewichtige Rolle.

So bleibt der Saal bis zum Schluss gebannt und lauscht. Der Applaus entlässt die Schülerinnen und Schüler in die Pause.

TRA

Erstellt: 29.06.2026 | Kategorie(n): Aktuelles aus der Schule